75 Jahre Kriegsende – die vergessenen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Harz

Clausthal-Zellerfeld, Harz. Am 8. Mai 2020 gedenken wir an das Kriegsende vor 75 Jahren. Am 11. November 1989 gipfeln die friedlichen Demonstrationen in der DDR und Jahre zuvor in Polen im Mauerfall. – In diesem Jahr, 30 Jahre später feiern wir 30 Jahre Wiedervereinigung in Deutschland. Mit der Wiedervereinigung endet die Nachkriegsordnung in Europa. Das gemeinsame Europa ist auch eine Lehre aus der Kleingeistigkeit des 2. Weltkrieges. Seit 75 Jahren erleben wir in Europa Frieden, seit 30 Jahren in ganz Europa Freiheit.

Erniedrigungen und Entbehrungen

Vieles aus diesen dunklen Zeiten wurde aufgearbeitet, menschlich wie wissenschaftlich. Vielfach vergessen wurden die zwangsverpflichteten Frauen und Männer, die „Fremdarbeiter“ und die Kriegsgefangenen, die in vielen Betrieben in der Harzregion arbeiten mussten. Ihnen wurde die Freiheit genommen. Sie wurden verschleppt, getäuscht und mit falschen Versprechungen „gelockt“.  In der Fremde wurden sie gezwungen, fehlende deutsche Arbeitskräfte zu ersetzen. Sie lebten in Unfreiheit, erlitten viele Erniedrigungen und Entbehrungen bis zum Tod.
Zwangsarbeiter und Zwangsverpflichtete im Oberharz

In Clausthal-Zellerfeld waren die meisten Zwangsverpflichteten und Zwangsarbeiter im Westharz eingesetzt. Sie mussten im damals größten Industriebetrieb der Region “Werk Tanne“ aber auch in vielen weiteren Rüstungsbetrieben, Baugewerken, Bergwerken oder Betrieben wie der Bleihütte schuften. Zwangsarbeiter und Zwangsverpflichtete waren auch beim Bau der Ecker- und Okertalsperre eingebunden.
Rüstungsindustrie als Hoffnungsträger

Mit der Schließung der meisten Gruben im Oberharz und der Nordharzer Hütten in den 1930er Jahren erzielten die Nationalsozialisten große Wahlerfolge. Die Arbeitslosigkeit war hoch und neue Rüstungsbetriebe galten für viele Menschen als Hoffnungsträger für die notleidende Region.

Bauboom im Oberharz

In den Bauphasen 1934 bis 1936 sowie 1938 des Werk Tanne waren in Clausthal-Zellerfeld viele Baubetriebe aus dem Oberharz und dem Umland eingebunden. Ein extra eingerichteter Pendelverkehr brachte die Handwerker und Bauarbeiter aus den Vorharzdörfern mit Werkbussen nach Clausthal, um das im Wald aus 214 Einzelgebäuden geplante Werk zu errichten.

An der Tannenhöhe und am Galgensberg entstanden 22 Doppel- und sieben Einzelhäuser für die leitenden Angestellten und Meister des Rüstungsbetriebes.Beiderseits der Breslauer Straße wurden mehrere Lager für etwa 1800 Arbeiterinnen und Arbeiter errichtet. Im Lager an der Bauhofstraße waren nach Zeugenaussagen bis zu 400 russische und belgische Frauen untergebracht. Im Zellerfelder Gemeindehaus wohnten weitere 50 russische Frauen. Im Bürgergarten Zellerfeld, dem heutigen Wolfs Hotel waren Menschen verschiedener Nationalitäten, im Schützenhaus Clausthal waren jugoslawische Zwangsarbeiterinnen untergebracht. Für die Bauleitung und weitere 300 Arbeiter befand sich ein Lager an den Pfauenteichen. Ein Teil der Lager waren Bereitschaftslager, ein anderer Teil bewachte Zwangsarbeiterlager. Ob die Aufzählung vollständig ist, kann heute nicht mehr Präzise recherchiert werden. Deutlich wird jedoch, dass Zwangsverpflichtete im gesamten Stadtgebiet von Clausthal-Zellerfeld in dieser Zeit zum Stadtbild gehörten. Umso unverständlicher ist, dass es bei meinen Recherchen in den 80er Jahren kaum möglich war, Zeitzeugen zu finden, die aus dieser Zeit erzählen wollten.

Rüstungsaltlasten, Chemische Fabrik Clausthal (Werk Tanne, Füllstelle).
Zwang und grauenhafte Arbeitsbedingungen

Im Werk Tanne waren 1944 etwa 1250 Männer und fast 930 Frauen beschäftigt. Davon weist die Statistik 590 weibliche Ostarbeiter und 256 männliche Ostarbeiter aus. In den Abfüllanlagen für Granaten und Minen arbeiteten vorwiegend Frauen. Dort herrschten auch die mit Abstand schlechtesten Arbeitsbedingungen im Werk. Aus Angst vor Funkenflug mit Maschinen wurden die Granaten und Minen meist mit nackten Händen befüllt. Arbeitssicherheit wie Handschuhe oder Mundschutz gab es nicht. Das TNT drang durch Haut und Lunge in den Körper ein. Das erste Vergiftungszeichen war die Pulverkrätze, es folgte eine Gelb- bis Rotfärbung der Haare und eine orangene Hautverfärbung. Das führte nicht selten zu Anämie, Leukämie, Leberschäden mit starker Gelbsucht sowie irreparable Lungenschäden. Weil auch die Werksleitung von den gesundheitlichen Gefahren wusste, wurden die Zwangsarbeiterinnen regelmäßig ausgetauscht. Ein Zeitzeuge, den ich 1983 befragt habe, erinnert sich: „Der Friedhof dort an den Pfauenteichen, gegenüber stand die Pumpe, zu der ich oft musste. Dort haben sie mir dann erzählt, dass sie gegenüber wieder einen ins Loch reingeschmissen haben. Wir haben ordentlich das Wasser platschen gehört. … Da waren auch Mädchen, die ein Kind geboren hatten oder kriegten. Man hat sie, Mutter und Kind in das gleiche Loch geworfen“.

Zeitzeuge Robert Hintreich und seine Frau Else Hinreich.
Russische Arbeitskräfte durften geschlagen werden

Der ehemalige Säuremeister Schmidt hat mir 1983 erzählt: „Die Franzosen mussten wir behandeln wie Deutsche, aber die Russen nicht. Die Russen konnten wir schlagen, das war genehm. Ich aber nicht“. An Lungentuberkulose, Kräfteverfall stirbt ab Ende 1942 fast jeden Monat mindestens eine Zwangsarbeiterin russischer Nationalität.

Säuremeister Schmidt im Werk Tanne (6.07.1983)
Hunger und Krankheit

Wie schlecht die russischen Zwangsarbeiter behandelt wurden, ist aus den Worten der Augenzeugin Else Hintreich ersichtlich: „Das ist ab 1943 gewesen. Wie die angekommen sind, dass vergeß ich auch nicht. In Kolonnen ins Werk rein. Auf der Hauptstraße hatten wir nur Vogelbeerbäume. Das war ein Sprung, da waren sie in den Vogelbeerbäumen hochgeklettert und holten sich die roten Beeren. Beeren und Hallimasche haben die vom Strunk gegessen, vor Hunger. Sie sind zum Teil verhungert oder krank geworden, weil sie keine ärztliche Betreuung hatten.

„Ich kann mich auch noch erinnern, dass man diesen Leuten nicht einmal eine faule Kartoffel hinwerfen durfte, ohne bestraft zu werden“, sagte der 77jährige Robert Hintreich 1982. Er war bis Kriegsende in der Energieversorgung des Werkes tätig.

Viele Firmen nutzten Zwangsarbeiter

Zwangsarbeiter wurden in vielen Firmen im Harz, bei der Bleihütte, bei der Forst, in der Munitionsfabrik Metallwerk Silberhütte in St. Andreasberg oder im Bergbau in Bad Grund eingesetzt. In dieser Zeit war es üblich, dass Menschen aus den eroberten Gebieten fern der Heimat Sklavenarbeit leisten mussten.

Ohne nennenswerten Widerstand besetzte das 26. US-Infanterieregiment in den Morgenstunden des 13. April 1945 die Bergstadt Clausthal-Zellerfeld.

Das große Explosionsunglück im Werk Tanne, bei dem mindestens 67 Menschen starben, oder die amerikanischen Bombenangriffe, bei denen viele Menschen ums Leben kamen, sind vielfach beschrieben worden.

Die vergessenen Zwangsarbeiterinnen

Das ganz normale und entbehrungsreiche Leben der Zwangsarbeiterinnen ist in Vergessenheit geraten. Auch 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges gibt es keinen Ort, der an die menschlichen Schicksale erinnert. Am Russenfriedhof an den Pfauenteichen in unmittelbarer Nähe zum Werk Tanne ist endlich eine Gedenktafel in Vorbereitung.

Irrweg Rüstungsindustrie

Die kurze Zeit der Rüstungsindustrie hat der Harzregion großen Schaden zugefügt, die Umweltschäden sind bis heute allgegenwärtig.

Die Abwasser aus der ehemaligen Sprengstofffabrik belasten noch heute den Bereich um das Werksgelände und in Osterode.
 
Lesenswerte Literatur zum Thema:
Günther Hein/Claudia Küpper-Eichas
Montanregion Harz, Bd. 7, Rüstung als Weg aus der Krise? Arbeit und Wirtschaft im Oberharz in der Zeit des Nationalsozialismus, 2006, ISBN 3-937203-25-7
Jani Pietsch
Sprengstoff im Harz – Zur Normalität des Verbrechens: Zwangsarbeit in Clausthal-Zellerfeld
Edition Hentrich, Taschenbuch
ISBN: 3894682426 (antiqarisch)
Rüstungsindustrie in Südniedersachsen während der NS-Zeit. Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft Südniedersäschsischer Heimatfreunde e.V.
Heimatfreunde, Arbeitsgemeinschaft Südniedersachsens e.V. (Hrsg.)
Mannheim, VMA Verlag Peter Wagener, 1993.
ISBN: 3910085059 (antiquarisch)
Braedt, Michael, Hörseljau, Hansjörg, Jacobs, Frank, Knolle, Friedhart:
Die Sprengstofffabrik „Tanne“ in Clausthal-Zellerfeld. Geschichte und Perspektive einer Harzer Rüstungsaltlast, 1998, ISBN: 9783897201248 (derzeit nur antiquarisch)

Erste Montgolfiade Harz

Heißluftballon-Festival im Harz

Vom 13. bis 14. September 2019 fand die erste Montgolfiade im Oberharz statt. In der Berg- und Universitätsstadt Clausthal-Zellerfeld trafen sich zahlreiche Ballon-Teams und Besucher. Bei schönstem Wetter konnten sie das Ballon-Glühen erleben.

Veranstaltet wurde des erste Heißluft-Festival von der Tourist-Informationen Oberharz, die von der GLC Glücksburg Consulting AG betrieben wird. Mit mehr als 40 gemeldeten Heißluft- und Modellballonen gehört es zu den größten Ballon-Festivals in Norddeutschlands.

Wegen zu wenig Wind konnten die Ballone das gesamte Wochenende nicht starten. Das Ballonglühen war dann ein schöner Abschluss und machte Lust auf mehr im kommenden Jahr. 

Ballon-Glühen im Harz
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